Kairos, der Gott des günstigen Augenblicks

Die Gelegenheit beim Schopf packen – manchmal öffnen sich unerwartet Wege zum wahren Selbst. Diese Chance erleben wir als kraftvolle Energie.

Auf einmal sind wir ganz wach! Wir erleben einen Aufruhr im Körper, einen starken Energiefluss, der durch uns hindurchströmt. Wir erleben einen Kairos-Moment. Bevor wir es noch denken, empfinden wir es schon – jetzt kann etwas Neues, etwas Großes beginnen! Und intuitiv haben wir verstanden: Wir dürfen nun keine Zeit verlieren. Denn sonst ist die günstige Gelegenheit schon wieder vorbei!

Wir erleben einen Kairos-Moment.

Kairos, der Gott des richtigen Augenblicks

In der griechischen Mythologie ist Kairos der Gott des richtigen Augenblicks. Die wenigen Darstellungen, die es von ihm gibt, zeigen ihn als Gestalt mit Flügelschuhen, einer langen Locke an der Stirn und einem kahlen Hinterkopf. In seiner Hand hält er ein scharfes Messer, auf dem er eine Waage balanciert. Schnell ist er unterwegs auf seinen geflügelten Füßen, und zu fassen bekommt ihn nur, wer ihn im Vorübereilen von vorne beim Schopfe packt. Wer den Augenblick verpasst, greift ins Leere und muss die Gelegenheit ziehen lassen. In einem Gedicht aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. sagt Kairos: „Wenn ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigeglitten bin, wird mich auch keiner von hinten erwischen, so sehr er sich bemüht.“

Wir blicken auf unser wahres Selbst

Eine faszinierende Vorstellung. Da ist ein Gott unterwegs und offenbart uns neue Möglichkeiten für unser Leben. Eine Erkenntnis, die unsere Sicht auf das Leben verändert. Ein Mensch, der uns elektrisiert. Ein Ort, der uns magisch anzieht. Ein Angebot, das uns ein neues Universum öffnet. Wir erleben einen Augenblick, in dem die Welt anzuhalten scheint. In dieser Sekunde, in diesem magischen Moment, sind wir im Kontakt mit dem, worum es in unserem Leben wirklich geht. Wir erhaschen einen Blick auf unser wahres Selbst.

Wir greifen zu – und auf einmal ist alles anders. Von nun an kennen wir unseren Weg. Wir haben unseren Seelenpartner gefunden, unsere Berufung in der Arbeit, unser Zuhause. Oder wir empfinden tief, was nun zu Ende geht. Genau jetzt, keinen Augenblick später! Jeder weitere Tag an diesem Ort, in diesem Job, in dieser Beziehung wäre ein Fehler. Also gehen wir, ohne Rücksicht auf Konsequenzen.

Kairos, der unsichtbare Partner im Coaching-Prozess

Was ist passiert? Auf der Handlungsebene sind es zwei Zeitrhythmen, die für den Moment miteinander synchronisiert sind. Die Wege zweier Menschen kreuzen sich, zwei Entwicklungslinien berühren sich an einem Punkt. Ob wir das Zufall nennen, Fügung oder Vorsehung, ist unerheblich. Wichtig ist allein: Hier öffnet sich die Chance auf eine bedeutende Veränderung auf unserem Lebensweg. Kairos öffnet uns eine Tür.

Auf einer spirituellen Ebene haben wir einen Blick auf unser Selbst getan. Der Arzt und Ökonom Stefan Brunnhuber sagt: „Kairos ist, wenn Zukunft Gegenwart gestaltet. Für einen Augenblick können wir einen Moment der Zukunft erleben.“ Wir empfinden tief, dass sich hier eine Sehnsucht erfüllen will – und jetzt die Gelegenheit besteht, dass es wirklich gelingt. Im Coaching ist Kairos deswegen der natürliche dritte Partner für den gemeinsamen Prozess. Er ist gleichsam der personifizierte Möglichkeitsraum, in den hinein wir uns entwickeln können.

Wir ignorieren Kairos nicht ungestraft

Was passiert eigentlich, wenn wir den Moment verstreichen lassen? „Wird Kairos nicht erkannt“, sagt Stefan Brunnhuber, „wandelt sich die Energie, die in ihm geborgen ist, ins Schlechte.“ Wenn wir uns den Kairos-Momenten verweigerten und unseren Konditionierungen verhaftet blieben, könne das Ergebnis tragisch sein. „Der Moment, den ich verpasse, wendet sich gegen mich. In der Terminologie von C. G. Jung würde man sagen, dass ich die Individuation verweigere und irgendwann der Schatten die Führung übernimmt. Das entspricht meiner Erfahrung als Klinikchef: Im schlimmsten Fall mündet das in psychische Erkrankungen, in Depressionen, Burnout, Angsterkrankungen oder Psychosen. Dann entstehen Lügen statt Wahrheit, Achtlosigkeit statt Achtsamkeit, Aggression statt Empathie.“

Fünf Dinge, um den Kairos-Moment zu nutzen

Und was brauchen wir, um uns auf den Weg zu machen? Es sind fünf Dinge sind nötig, um in einem Kairos-Moment zuzugreifen:

  • Achtsamkeit, um den Moment wahrzunehmen;
  • Bewusstheit, um seine Bedeutung zu erkennen;
  • Intuition, die uns ohne lange Überlegungen entscheiden lässt;
  • Mut, um die gewohnten Wege zu verlassen;
  • Selbstvertrauen, dass wir die Probleme auf dem Weg schon lösen werden.

Kairos öffnet nur eine Tür. Gehen müssen wir selbst. Die Unsicherheit, die uns erwartet, müssen wir aushalten können. Möglicherweise liegt viel Mühe vor uns, und dieser eilige griechische Gott wird uns nicht helfen, sie zu bewältigen. Das müssen wir selbst erledigen. Außerdem wissen wir nicht, ob unser Wagnis gut ausgeht. Auch das müssen wir aushalten. Aber selbst wenn wir scheitern, sind es diese Momente, die in der Rückschau wie Marksteine aus unserer Biografie herausragen. Wir haben die Qualität des Augenblicks wahrgenommen und sind das Wagnis eingegangen.

Wir haben allen Grund zu Hoffnung und Vertrauen

Ja, wir brauchenHoffnung und Vertrauen. In uns selbst. Und in das Leben. Meine Überzeugung und Erfahrung: Wir haben allen Grund dazu.

 

Thomas Steiniger, Philosoph und Herausgeber des Magazins „Evolve“, hat mit mir ein Gespräch über Kairos in dieser besonderen Zeit der Corona-Krise geführt. Sie können es hier anhören:

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über Ihren Beitrag!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.