Die aktuelle Krise setzt uns schlechten Nachrichten, wilden Spekulationen und einer zunehmend erregten Diskussion aus. Woraus können wir trotzdem Hoffnung schöpfen?

Von Sonika Husfeld-Suethoff und Sven Rohde

In einer Reihe von vier Beiträgen beschreiben wir die Reaktionen auf die Corona-Krise, wie wir sie in der Generation der Kriegsenkel wahrnehmen. Krisen sind uns wohlvertraut – aus eigenem Erleben, aber auch als transgenerationales Erbe unserer Vorfahren. Wie können wir in der aktuellen Situation mehr Bewusstheit für unsere Prägungen und Ressourcen bekommen? Und woraus können wir trotzdem Hoffnung schöpfen?

 

„Wir steuern in eine Depression!“

„Eine Normalität werden wir erst in zwei Jahren wieder erleben!“

„Das Schlimmste kommt erst noch!“

„Nach Corona wird unser Leben anders sein als davor!“

Wir erleben emotionale Gefühlsschwankungen

Der Strom der schlechten Nachrichten, wilden Spekulationen und Schwarzmalereien reißt derzeit nicht ab. Es ist nicht leicht, eine Art Gedanken-Hygiene zu entwickeln, die uns emotional stützt. Dann wieder gibt es Lichtblicke, und wir atmen auf. So sind wir in den vergangenen Wochen vielen emotionalen Gefühlsschwankungen unterworfen. An manchen Tagen fühlen wir uns positiv, motiviert und stark. An anderen Tagen fallen wir in ein tiefes Loch, fühlen uns traurig, fast depressiv. Ungeahnte Höhen und Tiefen prägen unseren Alltag, ungewöhnliche Glücksmomente folgen dunklen Augenblicken.

Unser Nervensystem pendelt, dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen, in intensiver Abfolge.

Peter Levine: Pendeln dient der Heilung

Auf dieses Pendeln stützt der bedeutende Traumatherapeut Peter Levine seine Methode des somatic experiencing. Das Pendeln ist für ihn eine Technik der Heilung. In seiner Arbeit und Lehre ist er darum bemüht, das natürliche Hin und Her zwischen den Gefühlszuständen des Nervensystems zu unterstützen und beim Klienten ein Gewahrsein dafür zu ermöglichen.

Ausgehend von einer sicheren, positiven Basis guter Gefühle und angenehmer Erinnerungen können wir uns negativen Erlebnissen und traumatischen Erfahrungen nähern, um dann mit unserer Aufmerksamkeit wieder ins Positive zurückzuschwingen. Mit der Zeit entwickeln wir eine größere Haltekapazität für positive und negative Zustände, Containment genannt – und wir erleben, dass wir sie gut aushalten können. Wir müssen die negativen Gefühle nicht mehr ängstlich meiden und die positiven zwanghaft herbeiführen.

Das Nervensystem wird beweglicher

Unser Nervensystem wird beweglicher. Es entsteht mehr Raum für die Entfaltung unserer Lebenskräfte. Der natürliche Rhythmus zwischen Expansion und Kontraktion ermöglicht mehr Stabilität, und die anfänglich kleinen Inseln der Sicherheit werden grösser. Indem wir unsere Aufmerksamkeit zwischen unseren Ressourcen, Stärken und Fähigkeiten auf der einen Seite, und den Verletzungen und transgenerationellen Traumata auf der anderen Seite pendeln lassen, lösen wir stagnierende Muster und schädliche Verhaltensweisen. Wir transformieren sie zu mehr Lebendigkeit und Verbundenheit mit uns selbst und anderen. Wir erlangen neue Selbstregulationsfähigkeiten und eine bewusstere Selbstwirksamkeit.

Wir haben Krisenkompetenz entwickelt

Warum das gelingt? Weil wir tief in uns eine Hoffnung empfinden können. Selbst, wenn diese Krise uns stark verunsichert, wenn wir scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten erleben: Haben wir nicht schon andere Krisen gemeistert? Was hat uns damals geholfen, sie zu überwinden? Steht uns diese Ressource nicht auch jetzt zur Verfügung?

Hoffnung ist eine starke Ressource

Lawrence Heller, ein anderer wichtiger Lehrmeister, der sich intensiv mit Entwicklungstraumata beschäftigt hat, schreibt: So, wie die Blume sich der Sonne zuwendet, wendet der Mensch sich spontan Kontakt und Gesundheit zu. Egal, wie tief unsere Verletzung und das Trauma, egal, wie isoliert wir bisher dahingelebt haben – wir wenden uns immer wieder der Heilung zu und unserem Wunsch nach Kontakt. Wir streben nach unserem natürlichen und authentischen Ausdruck. Wenn wir dies gerade in herausfordernden Situationen, wie wir sie aktuell erleben, nicht aus dem Blick verlieren, können wir eine neue Selbstwirksamkeit erleben.

In der Krise Selbstwirksamkeit erleben

Im besten Fall gehen wir also gestärkt aus dieser Krise hervor. Wir wertschätzen unser Leben auf neue Weise. Wir vertiefen unsere Verbindung zu uns und anderen, sind offener für neue Beziehungen. Wir erleben mehr Sinn und sehen mehr Möglichkeiten. Wir sind innerlich gewachsen, und wir spüren deutlicher die spirituelle Qualität, die unser Menschsein bedeutet.

Foto: iStock

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