Von Sonika Husfeld-Suethoff und Sven Rohde

In einer Reihe von vier Beiträgen möchten wir die Reaktionen auf die Corona-Krise beschreiben, wie wir sie besonders in der Generation der Kriegsenkel wahrnehmen. Krisen sind uns ja wohlvertraut – aus eigenem Erleben, aber auch als transgenerationales Erbe unserer Vorfahren. Wie können wir in der aktuellen Situation mehr Bewusstheit für unsere Prägungen und Ressourcen bekommen?

Eigentlich sind Kriegsenkel für die Bewältigung von Krisen gut ausgerüstet – aber vielen fällt es schwer, die eigenen Fähigkeiten, Stärken und Ressourcen anzuerkennen. Lässt sich die Blockade überwinden?

Als Kriegsenkel stehen wir vor der großen Herausforderung, dem Erfahrungsschatz unserer Vorfahren Anerkennung zu zollen und gleichzeitig unser eigenes Leben wertschätzend und mutig zu gestalten. Oft stehen wir allerdings in einem inneren Konflikt zwischen unserer Lebenskraft und den anerzogenen Glaubenssätzen und Lebensweisheiten. Es gibt zahllose (und dazu gibt es einen weiteren Blogbeitrag)

„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“

„Hochmut kommt vor dem Fall.“

„Lehn‘ dich nicht zu weit aus dem Fenster.“

„Mädchen sind sittsam und brav.“

„Reden ist Silber, schweigen ist Gold.“

Die Eltern werteten die Fähigkeiten ab

Gleichzeitig haben viele von uns erlebt, wie unsere eigenen Fähigkeiten von den Eltern ignoriert oder gar abgewertet wurden. Das sitzt tief. Was in den Kriegsenkel-Seminaren immer wieder deutlich wird: Viele Teilnehmer*innen wehren sich geradezu, eigene Kompetenzen als bedeutsam anzuerkennen. Zu oft haben sie von den Vorfahren gehört: „Eigenlob stinkt“.

Glaubenssätze sollen Sicherheit geben

Viele der Glaubenssätze waren ein Versuch, etwas Unerklärliches irgendwie zu erklären. Das Gehirn unserer Vorfahren versuchte mit diesen Erklärungsmodellen, den furchtbaren Erfahrungen von Krieg und Naziherrschaft einen Sinn zu geben. Es wollte Schutzregeln erstellen, um mit ihrer Hilfe die Lebensgefahr zu mindern. Die Sätze stellten eine Idee von Sicherheit zur Verfügung, um schmerzliche Erfahrungen zu vermeiden. Und so wurden sie, zu Familienweisheiten geronnen, an unsere Generation weitergegeben. Um auch Gefahren zu bannen und unser Leben zu sichern.

Das Gehirn kann nicht anders. Es ist angelegt, Daten zu sammeln und Sinn zu geben, um die beste Lebensweise zu ermitteln. Wir machen problematische und gefährliche Erfahrungen in unserem Leben, und sie werden mit einer Bedeutungsebene verbunden, die von alten Glaubenssätzen geprägt wurde. So entstehen Sinn, Identität und Bewertungen. Die Haltung, zu der sich das verdichtet, gibt uns Orientierung für den Alltag – und hilft uns auch, die Erinnerung an erlittenes Leid einzudämmen. Allerdings begrenzt sie zugleich unsere eigene Autonomie und Entwicklungsmöglichkeiten.

Ressource und Trauma sind eng verbunden

Wenn wir in der Therapie oder in Workshops diese tiefen Glaubenssätze unserer Vorfahren, Eltern und Großeltern in Frage stellen und versuchen sie loszulassen, kommen wir mit den Schmerzen und dem Leid in Verbindung, aus dem sie einst entstanden sind. Wir wollen unsere Ressourcen stärken – und berühren unmittelbar das Trauma, an das die Ressource gekoppelt ist. Das ist in unserem Nervensystem gespeichert.

Zwei Schritte zu den Ressourcen

Um zu innerer Freiheit zu kommen, um unsere Ressourcen wirklich für uns nutzen zu können, sind zwei Schritte nötig.

  1. Wir sollten die alten Wunden unser Vorfahren anerkennen und unser Mitgefühl für die Prägungen der damaligen Zeit entdecken. Dann können wir alte Verhaltensregeln und Glaubenssätze erkennen und mit der Realität abgleichen.
  2. Wir sollten uns dem Trauma stellen – und zwar genau in dem Maße, wie es für den Moment möglich ist. Eine Ressource ist, um es mit Peter Levine zu sagen, ein „Heilungswirbel“, der uns einst ermöglichte, eine traumatische Erfahrung zu überleben. Genau deswegen ist beides so eng miteinander verbunden.

Aus uns selbst heraus durch die Gefahr steuern

Wir erinnern die traumatische Erfahrung, wir erleben das aus ihr entstandene Verhalten erneut und können diese alte Erfahrung dann gleichsam physiologisch und emotional aus der Kontraktion des Nervensystems befreien. Dann kann sich das System wieder ausdehnen – und die Ressource steht uns wirklich zur Verfügung. Dann sind wir aus uns selbst heraus – ohne begrenzende Glaubenssätze – in der Lage, sicher durch schwierige und gefährliche Zeiten zu steuern. Wir empfinden mehr Zuversicht, emotionale Ausgeglichenheit und soziale Kompetenz.

Selbst die Überwindung der Glaubenssätze kann zu einer Ressource werden. Denn auf einmal können wir uns selbst infrage zu stellen und flexibel auf sich ändernde Problemlagen reagieren. Wie überaus hilfreich in einer Krise!

Lesen Sie auch die anderen Beiträge der Serie „Krise und Kriegsenkel“. Sie finden sie hier.

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