Autobiografisches Schreiben ist heilsam! Es kann genauso wirksam sein wie ein Antidepressivum. Ja, tatsächlich. Lesen Sie hier, wie wir uns gesund schreiben können. Und: Ich biete am 14. September 2019 hierzu in Hamburg ein Seminar an.

Gute Geschichten haben Macht über uns. Sie ziehen uns tief hinein in den Kosmos menschlicher Emotionen. Sie lassen uns Angst, Abscheu und Wut erleben, Trauer, Besorgnis und Mitgefühl, Freude, Bewunderung und Lust. Sie aktivieren unsere Muster, mit denen wir die Welt erklären, Konflikte wahrnehmen und bewältigen. Sie stellen uns die Frage, wie wir wohl anstelle der Helden reagiert hätten, fordern uns heraus, Position zu beziehen, präsentieren uns neue Handlungsmöglichkeiten und geben uns die Chance, darüber zu neuen Haltungen zu gelangen.

Menschen sind „story telling animals“

Die Leidenschaft fürs Erzählen reicht weit in die Entstehungsgeschichte unserer Gattung zurück. Menschen sind „story telling animals“, sagt der New Yorker Literaturwissenschaftler Jonathan Gottschall. Lange bevor sie eine Schrift entwickelten, erzählten sie sich bereits Geschichten. Das hat sich uns tief eingeprägt.

Aber wir wollen ja nicht nur Geschichten hören, wir lieben es auch, sie zu erzählen. Das ist etwas Intuitives, das wir uns früh im Leben aneignen. Dahinter liegt ein tiefes Bedürfnis, sagt die Psychoanalytikerin Professorin Brigitte Boothe: „Wer von sich selbst erzählt, macht Ansprüche geltend. Sein Befinden in der Welt soll für die Welt Bedeutung haben.“

Diese Geschichten wirken dabei nicht nur auf andere, sie wirken auch auf uns selbst. Mit ihrer Hilfe geben wir dem Leben und unserer Biografie Struktur und Bedeutung. Die Kindheit etwa erklären wir anhand einer Handvoll Erzählungen, die wir als „typisch“ bezeichnen und immer wieder vorbringen. Wie ein Dramaturg, der einen Roman für die Bühne inszeniert, wählen wir aus der Unzahl der Erlebnisse wenige aus, die wir zu einer plausiblen Herleitung unserer Persönlichkeit und unserer Lebenssituation verdichten. So entsteht ein „Narrativ“ – die Erklärung für unser Sosein.

Autobiografisches Schreiben fördert die Gesundheit

Im Zentrum der Geschichten stehen die Bedeutungen, die wir diesen Erlebnissen beimessen. Zeigen sie unsere Fähigkeiten oder Defizite, Freude oder Leid, Erfolge oder Erfahrungen des Scheiterns? In der Lebensrückblicktherapie, die Andreas Maercker entwickelt hat, werden gezielt alle Aspekte aktiviert. Maercker, Professor für Psychopathologie und Klinische Intervention an der Universität Zürich, erläutert: „Wir stellen für jede Lebensphase drei Fragen: nach einem positiven Lebensereignis, nach einem negativen und nach einem Erlebnis, in dem ein Problem gut bewältigt werden konnte.“ Allein mithilfe dieses angeleiteten Erzählens bessern sich im Verlauf von drei Monaten Depressionen, Selbstwert, Wohlbefinden sowie der Erinnerungs- und Erzählstil.

Wie ungemein positiv sich die schriftliche Bearbeitung von Erlebnissen aufs Wohlbefinden auswirken kann, ist durch zahlreiche Studien belegt, zuerst in den 80erjahren vom amerikanischen Psychologen James Pennebaker. Er wies nach, dass bereits 10 bis 30 Minuten des Schreibens über emotional Belastendes an drei bis fünf Tagen hintereinander signifikante Effekte auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden haben. Die von Andreas Maercker entwickelte Lebensrückblicktherapie hat gar eine Effektstärke, die der von Antidepressiva entspricht – nur komplett ohne deren Nebenwirkungen.

Erzählen aktiviert unsere Selbstheilungskräfte

Das Erzählen aktiviert gleichsam unsere Selbstheilungskräfte. Im Verlauf des Prozesses entsteht eine neue Kohärenz – das Bewusstsein, dass das Erlebte nun ein akzeptierter und integrierter Teil der eigenen Biografie ist. Die Verbindung von Erinnerung und Gedächtnis mit der persönlichen Identität ist eng. Andreas Maercker: „Wir sind, was wir erinnern.“ Und davon erzählen wir dann.

Vor allem das Schreiben entwickelt dabei seine eigene Kraft, denn auf einmal werden wir zu Regisseuren unseres eigenen Lebens – selbst wenn wir Erfahrungen des Scheiterns beschreiben. Wir können in eine souveräne Position gelangen, von der aus wir auf Augenhöhe mit inneren Beziehungen kommen, die vorher überwältigend schienen. Was enorm hilft: die Möglichkeit, dabei die Tonart zu wechseln. Wir können komisch erzählen, ironisch, tragisch, empört, distanziert wie ein Reporter oder fabulierend wie Scheherazade. Mit diesem Spiel der Tonarten des eigenen Lebens erobern wir eine neue Freiheit des Blicks. Und auf einmal fühlen wir uns mit unserem Leben wohl.

Ergänzung: Ich habe zu diesem Thema ein großes Feature für das Magazin PSYCHOLOGIE HEUTE geschrieben. Das PDF von „Die Erzählung unseres Lebens“ finden Sie in meinen Themenspecials.

Seminar am 14. September 2019 in Hamburg

Hierzu biete ich ein Seminar autobiografisches Schreiben. Mehr Infos dazu finden Sie unter aktuelle Angebote und in einem weiteren Blogbeitrag über Biografiearbeit.

Foto: Getty

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über Ihren Beitrag!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.