Born To Be Meiselgeier

BORN TO BE MEISELGEIER – Legende einer Rockband

1972 gegründet – And Still Rockin‘ Great!

BORN TO BEI MEISELGEIER – das ist die Legende einer Rockband aus der Bronx von Dannenberg an der Elbe. MEISELGEIER – das sind sieben Musiker und ein Guerillero. Sie machen uns vor, wie man ein halbes Jahrhundert die Bühnen derWelt zwischen demWendland und Fehmarn rockt. Wie man zur Hausband des Widerstands gegen die Castor-Transporte wird. Wie man bei einem Jimi-Hendrix-Memorial 10 000 Leute aus den Puschen haut. Dieses Buch erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Liebe und krachend lauter Rockmusik. Tröstlich, tragisch, anrührend – und immer wieder unfassbar komisch. Allein dieser Name …

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Das Video

Die Leseprobe
„Scheiselmeisel, Meiselscheiß“

Goin‘ down
Party time
My friends are gonna be there too

AC/DC, Highway to hell

„Käthe! Kääääthe!“

Eine unangenehm hohe, durchdringende Stimme tönt durch die kleine Wohnung neben der ehemaligen Heißmangel Harder hinter der Dannenberger Kirche. Im Esszimmer sitzen Barny, Muckel und Andreas am Tisch, hinter dem offenen Durchgang zum Wohnzimmer Mutter Rathje mit Herrn und Frau Nowak. Er ein stämmiger Knubbel, kriegsversehrt, mit einem Haken am Arm wie einst Käpt’n Hook, sie eine hoch aufgeschossene, ausgemergelte Person mit einem Gesicht, das an die Flagge des Piraten erinnert. Herzensgute Leute, aber ein Paar wie eine Karikatur. Sie sehen fern, eine Sendung mit – ja, ich weiß, das spoilert jetzt die Pointe der ganzen Geschichte: Inge Meysel.

Die jungen Musiker nebenan, die hier sonst proben, sind gerade auf der Suche nach einem Namen für ihre neu gegründete Band. Albern sind sie drauf und prollig. Kein konventioneller Name wie The … Beatles, Lords, Rattles, Rathjes soll es werden, auch kein poetischer wie Steppenwolf oder Deep Purple. Nee, er darf gerne richtig scheiße sein. Es macht eben auch frei, wenn die anderen da draußen einen sowieso ablehnen. Also kommt Inge Meysel gerade recht. Zum Reimen eignet sich der Name bestens. Das Motto: je blöder, je besser.

Geißelmeier
Geiselmeier
Geiselreier
Scheiselreisel
Steiselmeisel
Streiselmeisel
Scheiselmeisel
Meiselscheiß

Ist der Name ausgesprochen, zeichnet Uwe in ein kleines rotes Büchlein die Karikatur dazu. Ist ja klar: Eine anständige Band braucht nicht nur einen Namen, sondern auch ein Logo. Skurrile Figuren sind das, vogelähnliche Gestalten mit Helm, Baskenmütze oder Cowboyhut. Irgendwann fließt ihm ein Geier mit Knollennase aus den Fingern – und da ist auch schon der Name: MEISELGEIER. Wir schreiben das Jahr 1972, und es ist November. Die Sache ist klar, die Suche beendet. „So heißen wir jetzt.“

Dass es eine Band geben würde, war lange klar. Aber die Kumpels aus der Bronx mussten sich ja erst noch die Basics draufschaffen, um ihre drei bis fünf Akkorde zu so einer Art Viervierteltakt auf den Drums runterschrubben und wenigstens ein kurzes Solo beisteuern zu können. Und es braucht einen Raum, in dem man das miteinander ausprobieren kann. Hier kommt Gerd Piper, Gerdchen, ins Spiel. Mit vierzehn Jahren ist er der Jüngste der Clique. Sein halbherziger Versuch, Schlagzeug zu lernen, ist beendet, sein Tatendrang aber ungebrochen. Und: Sein Vater ist Hausmeister der Realschule. Dort gibt es einen Kellerraum, wo sich die Schüler, die mit dem Bus aus der Umgebung kommen, morgens aufhalten, bevor die Schule aufgeschlossen wird. Den Vater davon zu überzeugen, dass er diesen am schulfreien Sonntag für eine Bandprobe aufschließen könnte, ist nicht ganz leicht – die Musikvorlieben und -abneigungen zwischen Vater und Sohn prallen unversöhnlich aufeinander. Hier Roy Black, Peter Alexander und Heino, dort Gallagher, Taste, Santana. „Diese Gammler-Musik in meiner Schule …?“ Aber schließlich willigt er ein. Darf nur offiziell keiner wissen.

Inoffiziell macht die Nachricht sofort die Runde. An die dreißig Jugendliche haben sich am Sonntag eingefunden um mitzukriegen, was da abgeht. Mit Schubkarre und Bollerwagen schaffen die Musiker ihr Zeug heran. Andreas kommt aus Penkefitz, wenige Kilometer von Dannenberg, aber bei ihm klappt es nicht so wie geplant. Er will Bass spielen und hat sich Saiten gekauft, um sie auf seine E-Gitarre zu spannen. Um nach wenigen Minuten festzustellen: Das geht nicht (für Nicht-Musiker: Es geht wirklich gar nicht!). Mit einem geliehenen Bass, eilig besorgt, ist er trotzdem dabei. Das Schlagzeug bedient noch nicht Helmut Grabow, sondern Franzl Klahn, eine weitere Gitarre Sammy Trunczik. Und dann geht’s los.

Die Erinnerungen an die Songs, die an jenem Sonntag gespielt werden, verschwimmen. „Irgendwas von Status Quo … und vielleicht Love Like A Man von Ten Years After?“ Präziser wird es nicht. Was daran liegen mag, dass sich ein Eklat umso intensiver einprägt. Er entwickelt sich langsam. Alle daddeln vor sich hin, auch Muckel. Er klimpert auf seiner schwarzen Gitarre, was alle nervt, nur Muckel nicht. Er spielt weiter und weiter. Irgendwann motzt Barny ihn an: „Muckel, hör auf!“ Aber Muckel will nicht aufhören. Also versucht Barny, ihm die Gitarre wegzunehmen. Daraufhin passiert etwas Außergewöhnliches: Muckel, der Freundliche, der Harmonie-Bolzen, der Besänftiger, der es so gerne muckelig hat, haut seinem älteren Bruder so kräftig auf die Schnauze, dass dem die Lippe aufplatzt. Die Wunde muss im Krankenhaus genäht werden. Er erinnert sich: „Da bin ich so was wie erwachsen geworden.“ Die Botschaft ist klar: Komm mir nicht an meine Gitarre! Erstaunlich genug die Reaktion von Barny, als er aus dem Krankenhaus zurückkommt. Er stellt sich vor den Bruder und sagt: „Muckel, das war richtig so.“ Gut zu wissen, dass auch der nachgiebige Bruder seine Grenzen ziehen kann.

In den kommenden Wochen und Monaten schält sich die Besetzung heraus. Andreas merkt, dass er nicht gleichzeitig singen und Bass spielen kann. Er schwenkt um auf Keyboard, das ihn auf Platten so beeindruckt hat. Dafür kommt Uwe Zerbe dazu. Schlagzeug spielt Franzl Klahn. Er stammt, wie er es heute nennt, aus einer „gestandenen Trinker-Dynastie“. Seinen Eltern gehört das Hotel Sachsenross in der Langen Straße mit der Kneipe darin. Wirklich spielen kann er nicht, aber er hat halt ein Schlagzeug, gekauft von dem Geld, das er zur Konfirmation bekommen hat. Erst ist vierzehn Jahre alt, nur 1,59 Meter groß und damit einer der Lütten. Aber die Erfahrung mit den alkoholkranken Vätern verbindet. Und wer bis vier zählen und diese Fähigkeit halbwegs aufs Instrument übertragen kann, ist willkommen.

Das sind also die ersten Meiselgeier:
Leadgitarre: Muckel Rathje
Rhythmusgitarre: Sammy Trunczik
Bass: Uwe Zerbe
Schlagzeug: Franzl Klahn
Percussion und Mundharmonika: Barny Rathje
Orgel: Andreas „Bärchen“ Sauck

Auch Gerdchen hat seine Rolle gefunden: Er kümmert sich darum, dass alles läuft, es allen gut geht, er besorgt Getränke und lauscht der Musik. Sogar einen Beauftragten für die Lightshow gibt es: Friedhelm Salge. Sein Mischpult besteht aus einer Leiste von Steckdosen, ungefähr einen Meter lang. Die Mechanik ist ebenso simpel wie effektiv. Stecker rein: Spot an. Stecker raus, anderer Stecker rein: Wechsel der Lichtstimmung. Hauptstecker ziehen: Show beendet. Auch wenn die Mittel noch very basic sind: Die Meiselgeier wissen einfach, was zu einer coolen Bühnenshow gehört.

Der findige Bastler unter ihnen ist Andreas. Er stammt aus Penkefitz direkt am Elbedeich, ist der Älteste der Band und hat bereits eine Lehre als Starkstromelektriker und die Zeit bei der Bundeswehr hinter sich. Mit einigem Kraftaufwand kann er sich in Lüneburg tatsächlich eine gebrauchte transportable Orgel kaufen: für gewaltige 1700 Mark! Eine Farfisa, unter Musikern seinerzeit wegen ihres hohen, durchdringenden Tons die ‚fiese Farfisa‘ genannt.

Was Andreas mit den anderen Meiselgeiern verbindet: Er kann weder Noten, noch hatte er je Unterricht auf seinem Instrument. Also muss er sich seine Parts von der Platte „raushören“ und irgendwie auf die Tasten bringen. Das ist beim Keyboard schwieriger als bei der Gitarre, wegen der vielen schwarzen Tasten. Statt sich der Mühe zahlloser Übungsstunden mit Fingersätzen zu unterziehen, lässt der frischgebackene Keyboarder seinen Erfindergeist spielen. Er baut einen Regler, mit dem er die Spannung seiner Farfisa ansteuern kann. Dreht er sie hoch, werden die weißen Tasten, eigentlich auf C-Dur kalibriert, höher gestimmt: auf D, E, F. Dreht er sie herunter, auf H, A oder G. Egal, in welcher Tonart die Band also einen Song spielt – Andreas dreht einfach an einem Rädchen, in ein Holzkästchen montiert, und spielt entspannt im vertrauten Fingersatz von C-Dur. Was allerdings auch nur funktioniert, weil die Rocksongs der Band, sagen wir: eher schlicht gestrickt sind.

Junior’s Wailing von Steamhammer zum Beispiel, ein klassischer Shuffle-Blues mit drei Akkorden, in A-Dur, der zweitliebsten Tonart aller Rockgitarristen. Aber wer das Original heute hört, spürt sofort, was die gierigen jungen Musiker damals packte. Rau und ungeschliffen ist der Song, der Gitarren-Riff einfach, aber er treibt voran. Dazu der rauchig-bluesige Gesang, um den sich Harp schlängelt. „Das fand ich unheimlich stark!“ erinnert sich Muckel. Er muss sich mit dem Solo abmühen. Und lacht: „Wie das klang? Rhythmisch eine Katastrophe, völlig ohne Timing – aber egal! Laut und geil! Wie in so einem Kral unter Eingeborenen. Man spielt sich in Ekstase. Und weil Andreas ein Fan von Deep Purple war, bekam das einen orchestralen Touch. Es fühlte sich großartig an!“ Andreas singt auch, mit kräftiger, guter Stimme. Die Texte hat er sich, wie die Keyboards, „rausgehört“ und komponiert aus seinem Volksschul-Englisch und den Lauten von der Platte seine eigene Version, eine Art lautmalerisches Englisch. Was für eine Erleichterung, als auf den Plattencovern irgendwann auch die Texte abgedruckt werden. Oder wenn ein besonders populärer Song in einschlägigen Heften für Musiker veröffentlicht wird. Der Nutzen bei einem Song wie Oye Como Va, den Muckel ergattern kann, ist freilich überschaubar: Der Text ist schnell erkannt – doch die Noten kann keiner lesen. Ebenso gut könnten es chinesische Schriftzeichen sein.

Aber auch wenn keiner der Meiselgeier des Notenschreibens mächtig ist, muss man ja trotzdem irgendwie festhalten, wie so ein Song abläuft. Bei What’s Going On von Rory Gallagher, Held jener Jahre, sieht das so aus:

Diddle IIII
Diddle IIII
Diddle IIII
Deididdle
d
A
Deididdle
D
A
Deididdle
Deididdle
Deididdle

Wie das dann klingt? Leider gibt es keine Aufnahmen.

Natürlich braucht eine Band auch einen Proberaum. Das wird schon bald der Raum der ehemaligen Heißmangel Harder im Haus, in dem die Rathjes wohnen. Die Miete beträgt sechzig Mark im Monat plus zehn Mark für Stromkosten. Herr Harder, der Vermieter, ist ein geschäftstüchtiger Mann. Immer samstags wird geprobt, und die Songs dröhnen über den Kirchplatz. Auf Beschwerden müssen die Jungs nicht lange warten, aber als Handwerker sorgen sie für Abhilfe. Eierpappen und Styroporplatten senken den Lärmpegel auf ein Maß, das von den Nachbarn gerade noch toleriert wird. Auch vom Superintendenten der Kirche, dem Himmelskomiker auf der anderen Seite des Platzes – zumindest vorerst.

Jeden Samstag Rockmusik am Kirchplatz – das verändert etwas. Die Rebellion der Jugend, der Schrei nach Freiheit, wie zaghaft auch immer, ist angekommen. Mitten im Städtchen. Die Sehnsucht nach einer neuen Zeit, in der einem nicht mehr die Luft abgeschnürt wird vom Korsett der Konventionen, von den Repressionen der Honoratioren und verkappten Nazis, die alles im Keim ersticken wollen, was bunt und lebendig und kreativ und ungestüm ist – sie hat in Dannenberg einen Kristallisationspunkt bekommen. Und so ändert sich auch langsam das Image der Musiker. „Waren wir für die alten Säcke nur die langhaarigen Gammler, die Negermusik machten“, erinnert sich Muckel, „bekamen wir von immer mehr Jugendlichen und jungen Erwachsenen Zuspruch. Sie zollten uns eine Art von Anerkennung, die wir nicht kannten. Die beruhte nicht mehr auf den Kriterien von Leistung, Wohlanständigkeit und dem, was der Mittelschicht wichtig war. Sie merkten, da wuchs etwas anderes heran. Das gefiel ihnen sehr.“

Was für eine Energie sich da Bahn bricht! Wie viel Power! Und wie sich die Geschichten ähneln. Carlos Santana wuchs in Armut auf. Eric Clapton kam als Sohn einer Sechzehnjährigen in der englischen Provinz zur Welt, der Vater, ein kanadischer Soldat, war längst wieder außer Landes. Die Eltern von Jimi Hendrix waren gewalttätige Alkoholiker. Ron Wood von den Stones stammt aus einer Sinti-Familie. Eric Burdon erblickte während des Krieges als Spross einer Bergarbeiterfamilie das Licht der Welt. Einem Interviewer erzählte er: „Als ich geboren wurde, habe ich den Blues herausgeschrien, laut genug, um während der Luftangriffe der Nazis gehört zu werden.“

Sie alle fanden Anerkennung, schließlich Ruhm, weil sie gerade nicht nach den Regeln der Etablierten spielten, sich nicht mehr in feine Anzüge zwängten, den Seitenscheitel mit Brillantine festklebten, den VOX AC30 auf Zimmerlautstärke einpegelten und dazu „Im Wald und auf der Ha-ei-de“ knödelten. Oder das Niedersachsenlied: „Aus der Väter Blut und Wunden wächst der Söhne Heldenmut.“ Oder was immer für Lieder Clapton, Hendrix, Wood und Burdon hätten spielen müssen, um sich bei den Nachbarn einzuschleimen.

Stattdessen machten sie ihr eigenes Leben zum Thema und faszinierten damit die Menschen ihrer Generation. „Keiner kann tiefen Schmerz, Kummer, Leid, Hass und Wut ergreifender und authentischer ausdrücken als Menschen, die selber Seelenqualen leiden“, schreibt der Psychiater Borwin Bandelow, selbst Gitarrist, in seinem lesenswerten Buch Celebrities.

Dann empfinden wir sofort: Das ist hier keine Show, das ist echt! Erst recht, wenn wir es live erleben.

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