Wie Küchen-Psychologie uns schadet

Die Küchenpsychologie gibt simple Antworten auf komplexe Fragen – und führt uns damit immer wieder in die Irre. Wir stellen uns mit ihrer Hilfe regelmäßig selbst ein Bein.

Ein kleiner Test zum Beginn: Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche falsch?

  • „Frauen reden mehr als Männer.“
  • „Der Charakter eines Menschen bestimmt weitgehend sein Verhalten.“
  • „Die Jugend ist eine Zeit des Aufruhrs.“
  • „Latein und Mathematik schulen das logische Denken.“
  • „Mit Sportarten wie Boxen kann man Aggressionen abbauen.“

Sie sind alle falsch. Überrascht?

Die Psychologie ist im Alltag immer präsent

Wir denken psychologisch. Wir können nicht anders. Wir erleben andere Menschen und wollen ihr Verhalten verstehen. Wir erziehen unsere Kinder und überlegen, wie wir sie erfolgreich zu ihrem Besten lenken können. Wir begründen Partnerschaften, führen Teams, wollen den Vorgesetzten gefallen, den Kunden für uns gewinnen. Und immer tun wir das, indem wir Annahmen über ihre Psyche treffen.

Der Erfolg dieses Unterfangens hängt natürlich davon ab, dass wir die richtigen Annahmen getroffen haben. Dass wir Gefühlsäußerungen korrekt identifiziert, Handlungsmuster zutreffend gedeutet, Motive, Prägungen, Eigenschaften und vieles mehr in einen sinnvollen Zusammenhang gestellt und daraus die richtigen Schlüsse abgeleitet haben. Eine aufwendige Analyse also – wenn wir uns denn die Zeit nähmen, all dies planvoll und bewusst zu überprüfen. Doch meist haben wir es eilig oder scheuen den Aufwand. Dann nehmen wir die Abkürzung. Und die heißt Küchenpsychologie.

Simple Antworten auf komplexe Fragen

Küchenpsychologie macht das Leben leichter, zumindest vorläufig. Simple Antworten auf komplexe Situationen sparen Zeit und Energie. Entsprechend nachhaltig werden sie im Gehirn neurobiologisch eingeprägt. Jedes Muster, das wir in unserer Umwelt erkannt zu haben glauben, vermittelt uns Sicherheit: „Ich habe verstanden, was hier passiert, ich erkenne den Sinn, und jetzt kann ich mich angemessen verhalten.“

Die Quellen psychologischer Mythen sind zahlreich.

Mundpropaganda: Wir halten Behauptungen für wahr, weil sie von vielen Menschen immer wieder erzählt werden.

Selektive Wahrnehmung: Wir neigen dazu, vor allem Informationen aufzunehmen, die unsere Weltsicht bestätigen.

Kausalität statt Korrelation: Wir folgern aus dem gleichzeitigen Auftreten von Phänomenen, dass eines der Grund für das andere ist.

Von uns auf andere schließen: Aus unserem persönlichen Erleben im Alltag schätzen wir Dinge viel bedeutsamer ein, als sie es gesamtgesellschaftlich sind.

Übertreibungen. In vielen psychologischen Mythen sind Körnchen von Wahrheit, die aber maßlos überbewertet werden.

Uwe Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie, erläutert die Falle, in die wir immer wieder laufen: „In der Küchenpsychologie wird die Hypothese mit der Realität gleichgesetzt. Man hat eine Überzeugung aufgebaut, und weil man die schon lange hat, und weil sie auch andere haben und man hier und dort auch schon darüber gelesen hat, denkt man, das ist richtig.“

Wie der Küchenpsychologe sich ein Bein stellt

Ist das eigentlich ein Problem? Der Küchenpsychologe kann sich auf vielfältige Weise ein Bein stellen. Bei der Sichtung von Bewerbungsmappen achtet er akribisch auf die formale Gestaltung und legt Bewerbungen mit Tippfehlern im Anschreiben sofort beiseite. Studien belegen freilich, dass eine weniger akkurate Formatierung oder ein Tippfehler im Hinblick auf Persönlichkeit und Eignung nicht besonders aussagekräftig sind. Oder im Privaten: Wenn ich Boxen als Sport auswähle, um meine Aggressionen abzuarbeiten, dann wird mir das kaum gelingen. Und wenn ich mein Kind in der Schule Latein lerne lasse statt Französisch, wird es davon nicht besser logisch denken lernen, sondern nur eine Sprache, mit der es in unserer globalisierten Welt nicht weit kommt.

Wege zu besseren Entscheidungen

Gibt es einen Ausweg? Aber ja! Wir können uns – immer wieder aufs Neue – aus der Küchenpsychologie befreien und auf reflektierte Weise psychologisch denken. Wenn wir immer mal wieder unsere persönlichen Muster wahrnehmen und infrage stellen; wenn wir nicht sofort zu einer Bewertung kommen; wenn wir Unsicherheit eine Weile aushalten auf die Lösung noch eine Weile warten können; wenn wir bereit sind, den Fokus weiterzustellen und mehr Faktoren in die Analyse der Situation einbeziehen. Und wenn wir Informationen und Haltungen anderer Menschen als relevant wahrnehmen – selbst wenn sie unserer Überzeugung widersprechen.

Dieser Text ist die Kurzform eines Reports, den ich für Psychologie Heute geschrieben habe. Den kompletten Report „Hier spricht der Küchenpsychologe“ finden Sie in meinen Themenspecials

Foto: Cookie Studio, Shutterstock

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