Wie gelingt Veränderung? Teil 2: Zeit

Warum sollten wir bei Veränderungsprozessen Geduld mit uns haben, anstatt uns zu Eile und Effizienz anzutreiben? Und was bedeutet das fürs Coaching? Teil 2 einer kleinen Reihe darüber, wie wir uns von alten Gewohnheiten befreien und ein neues Lebensgefühl etablieren können.

Wir alle lieben großartige Geschichten über Veränderungen: wie aus der Investmentbankerin eine Almwirtin wurde, aus dem Karrieremanager ein Helfer für Geflüchtete. Das sind die Heldinnen und Helden unserer Zeit, die aus der Welt der Macht und des Bling-Bling zum Wahren und Echten zurückfinden und darin ihre Bestimmung erleben.

Heldengeschichten: Was ist wirklich echt?

Ehrlich gesagt: Mir gehen diese Geschichten zunehmend auf die Nerven. Es ist wie bei diesen Frauenzeitschrift-„Machen-Sie-mehr-aus-Ihrem-Typ“-Fotostories. Ja, der Vorher-Nachher-Effekt ist verblüffend, vielleicht sogar beeindruckend. Aber der Prozess, der zwischen dem einen und anderen liegt, ist nicht plausibel. Was ist hier echt, was ist Photoshop? Das wird nicht erzählt (und womöglich willentlich verschwiegen). Was haben die Investmentbankerin und der Karrieremanager wirklich erlebt, bis sie nicht nur physisch, sondern auch emotional auf der Alm und in der Geflüchteten-Unterkunft angekommen sind? Vor allem: Wie viel Zeit haben sie dafür gebraucht?

Veränderung braucht Muße

Veränderungsprozesse sind komplex. In Coaching-Gesprächen erlebe ich immer wieder, dass Coachees unzufrieden sind mit ihren Fortschritten. „Ich weiß das doch alles längst, warum komme ich nicht voran?“ Wenn wir genauer hinschauen, stellen wir häufig fest, dass dieses Urteil gar nicht zutrifft. Emotional hat sich bei ihnen in der zurückliegenden Zeit durchaus viel verändert – nur auf der Handlungsebene zeigen sich diese Veränderungen noch nicht. Das ist ein normaler Prozess, der wichtigen Entscheidungen vorangeht (und wir können vermuten, dass die Investmentbankerin ihn auch durchlaufen hat).

Neue Lösungen üben wie ein Musiker sein Stück

Zudem sind alte Muster stark (die Gründe dafür habe ich im ersten Teil dieser kleinen Reihe beschrieben). Deswegen ist es normal, wenn wir selbst in völlig neuen Situationen auf einmal alte Reaktionsmuster an uns erleben. Wer aber geduldig weitermacht und die neuen Lösungsansätze genauso hingebungsvoll übt wie ein Musiker sein neues Stück, der kann sich des Erfolgs sicher sein. Denn im beständigen Üben stecken positive Überraschungen für den Lernenden, erläutert Ulman Lindenberger, Professor für Entwicklungspsychologie und geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Nämlich immer dann, wenn etwas, das bisher nicht geklappt hat, auf einmal klappt.

Geduld wird belohnt – mit Dopamin

„Dafür ist eine ganze neuronale Maschinerie zuständig“, sagte Lindenberger. Sie erzeugt eine Erwartung über das eigene Verhalten. Wird diese Erwartung positiv übertroffen, weil man einen Vorhersagefehler gemacht hat – dass man etwas nicht kann, obwohl es nun eben doch gelingt –, dann wird Dopamin ausgeschüttet. Das Dopamin bedient das Belohnungssystem, und wir erleben den Moment als positive Überraschung.“ Diese Maschinerie in Gang zu halten und so für den regelmäßigen Nachschub des Botenstoffs zu sorgen: Das geht nur durch Üben.

Wichtig für Veränderung: guter Schlaf

Irgendwann hat das neue Muster dann das alte abgelöst – und wir sind nicht nur physisch, emotional, sondern ganz praktisch angekommen. Diese Automatisierung gelingt, indem wir abrufen, was wir gelernt haben, und es verfestigen. Die Konsolidierung im Gehirn gelingt übrigens nur übers Schlafen. Die komplexen Umbauprozesse brauchen Zeit und lassen sich nicht abkürzen.

Unterstützende Coaching-Übung: das 5-Minuten-Tagebuch

Es kann übrigens sehr hilfreich sein, den Prozess der Veränderung mit Tagebuchschreiben zu begleiten. Auch hierzu finden Sie eine kleine Anleitung in meinem Blog: Das 5-Minuten-Tagebuch.

Foto: jacoblund, Thinkstock

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