In der Gegenwart ankommen

Ein Gespräch mit der Therapeutin Luise Reddemann über transgenerationale Traumata aus der deutschen Vergangenheit, wie wir Kriegsenkel sie überwinden und ein neues Miteinander mit den eigenen Kindern ermöglichen können

Frau Reddemann, in Ihrem Buch über ‚Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie’ schreiben Sie: „Es geht darum, nicht nur zu wissen, sondern auch sich erschüttern zu lassen, um zu trauern und die Vergangenheit zu akzeptieren, wie sie war, um schließlich gegenwärtiger sein zu können.“ Was meinen Sie damit?

Luise Reddemann: Psychoanalyse und Traumatherapie lehren uns seit Längerem, spirituelle Traditionen seit Jahrtausenden: Eine Geschichte, die wir nicht akzeptiert und integriert haben, hindert uns am wahren Ankommen in der Gegenwart. Hier tragen wir Deutschen nach Nazizeit und Weltkrieg eine gewaltige Last mit uns herum. Das hat sich uns tief eingeprägt. Was lange ignoriert wurde. Es gab auch in der Psychotherapie ein kollektives Einverständnis, nicht nach Krieg, Vertreibung und Nazizeit zu fragen. Das war ein Tabu, da guckten wir nicht hin.

Das ist jetzt anders.

Ja, jetzt ist die Zeit gekommen, wo die Menschen die Kraft haben hinzuschauen. In der Traumatherapie gibt es eine Regel: Erst die äußere Sicherheit und dafür vielleicht Hilfe, dann die Therapie. Bei kollektiven Traumata, die in Deutschland auch noch massiv mit Schuld und Scham belastet sind, dauert es viel länger. Erst muss man hinschauen, und das war in Deutschland zunächst kollektiv unerwünscht und individuell emotional vielleicht auch nicht verkraftbar. Jetzt aber ist es möglich.

Sie beschreiben, wie Traumata von Eltern auf ihre Kinder und vielleicht sogar in die dritte Generation übertragen werden können. Was geschieht da?

Diese transgenerationale Weitergabe von Traumata, wie wir sie nennen, ist hochkomplex. Zum einen gibt es die direkte Traumatisierung in der Erziehung durch Gewalt, Drohung und Misshandlung. Das andere sind die unbewussten oder vorbewussten Dinge der Elterngeneration wie Ängste, Ohnmachtserfahrungen, Todesangst. Sie werden oft in der Beziehung zu kleinen Kindern aktiviert, etwa in Stresssituationen – und Kinder spüren sehr feinfühlig, was mit den Erwachsenen ist. So wird dieses Trauma über unbewusste Kanäle weitergegeben. Das kann das Kind in späteren Jahren einholen.

Und wie kann sich das äußern?

Ich hatte eine Patientin, die wegen Panikattacken zu mir in die Behandlung kam. Sie merkte in der Arbeit mit mir: ‚Das ist gar nicht meine Panik! Das ist die Angst meiner Mutter. Ich war doch gar nicht im Bombenkeller, das war sie.’ Dann sagte sie: ‚Darum muss sich meine Mutter kümmern, darum kümmere ich mich nicht.’

Oft sind Menschen in der Nachkriegszeit unmittelbar traumatisiert worden. Wie gehen Sie dann vor?

Ich lade meine Patienten ein, dieses kleine Kind, das einst diese traumatischen Erlebnisse hatte, in den Arm zu nehmen und zu trösten. Viele erleben dabei einen ungeheuren Schmerz, der fast unerträglich ist. Aber denen kann ich sagen: ‚Das sind nicht Sie, zu dem dieser Schmerz gehört – das ist Ihr jüngeres Ich! Und dieses jüngere Ich können Sie trösten. Sich ihm liebevoll und mit Mitgefühl zuzuwenden. Das ist ein inneres Ritual. Und dann lege ich in den Therapien immer Wert darauf zu sagen: ‚Und holen Sie Ihr Kind jetzt da raus! Schaffen Sie einen guten Ort für sich und Ihr Kind, wo es sich sicher und zuhause fühlen kann.’ Das Schlimme ist vorbei – und diese traumatisierten Anteile in uns wissen das nicht! Das muss man ihnen sagen. Sonst bleibt man in dem Kummer stecken.

Und überträgt dieses Trauma in die nächste Generation?

Das kann passieren. Aber als Betroffene kann ich es verhindern. Ich schaue, was war, ich lasse mich erschüttern. Mir gelingt ein Trauerprozess. Dann entsteht ein Möglichkeitsraum für ein neues, besseres Miteinander. Und wenn ich merke, ich habe meinen Kindern nicht gut getan, dann kann ich sie um Verzeihung bitten. Natürlich nur, wenn sie es hören wollen, wenn der richtige Zeitpunkt ist. Diese Anerkennung des Leids ist bedeutend, eine wichtige Aufgabe. Viele Kriegsenkel beklagen ja, dass ihre Eltern sie über die Maßen in Anspruch genommen haben, aber das gar nicht anerkennen.

Die Integration des traumatischen Erlebens wirkt heilsam auf das Familiensystem?

Das ist die wichtige Botschaft für alle, die sich diesem Thema zuwenden! Ihr könnt sehen, was da war. Es geht darum zu verstehen: „So war’s halt. Es war nicht schön, ich hätte mir etwas anderes gewünscht. Aber so war’s eben.“ Dann ist Trauern wichtig, aber irgendwann muss es auch damit gut sein. Denn jetzt könnt ihr mit euch selbst liebevoll sein, ihr könnt mit euren Kindern liebevoll sein. Ihr könnt ihnen sagen, dass ihr bedauert, was ihr aufgrund eurer Prägungen anders gemacht habt, als es richtig gewesen wäre. Das finde ich mindestens so wichtig, wie sich immerfort mit der Vergangenheit zu befassen. Zu schauen: Was hat es aus mir gemacht – und was möchte ich jetzt an mir verändern. Das ist der nächste Schritt. Man muss in der Gegenwart ankommen!

Informationen zu Luise Reddemanns Buch „Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie  finden Sie hier.

Im Personal Coaching biete ich Gespräche zur Kriegsenkel-Thematik an.

Foto: Stefan Blume

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