Der Weg zu freien Entscheidungen

Nicht mehr „ich muss …“, sondern „ich entscheide mich dazu“ – ein fundamentaler Unterschied

Manche Leute halten Marshall Rosenberg für einen spinnerten Nervbolzen; selbst wenn sie mit seinen Namen gar nichts anfangen können. Denn der Psychologe Rosenberg, 2015 im Alter von 80 Jahren gestorben, entwickelte die Methode der „gewaltfreien Kommunikation“. Eine Art miteinander zu sprechen, die für viele den Inbegriff des weltfremden Gutmenschentums darstellt (warum sie das nicht ist und sehr wertvoll sein kann, ist hier nicht das Thema).

Dieser Marshall Rosenberg formulierte ebenfalls ein radikales Konzept für mehr Zufriedenheit und Lebensfreude. Er schlug vor, jede Entscheidung nur noch aus ein einzigen Grund zu treffen: aus dem reinen Wunsch, damit einen Beitrag zum guten Leben zu leisten – und nicht etwa aus Angst, Schuld, Scham, Verpflichtung oder Verbindlichkeit.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Wenn ich nichts mehr tue, weil ich glaube es zu müssen, sondern auf Basis einer freien Entscheidung, dann ist der Unterschied fundamental. Ich verabschiede mich vom Zwang, dem ich mich ausgeliefert fühle, und lebe mein Leben als Ausdruck meines freien Willens. Und als Bekräftigung meiner neuen Haltung sage ich nicht mehr, „ich muss das tun.“ Sondern: „Ich entscheide mich dazu, es zu tun.“

„Das ist genauso weltfremd wie die gewaltfreien Kommunikation“, höre ich manche sagen und erinnere mich gut, wie eine Lehrerin wütend lospolterte, als wir dieses Konzept in einem MBSR-Kurs debattierten: „Immer dieses Geschwätz von Leuten, die es nicht nötig haben! Ich muss nun mal Klassenarbeiten korrigieren, auch wenn ich es hasse!“

Die anschließende Diskussion über Rosenberg und sein Konzept war erhellend. Denn er folgte einer pfiffigen Strategie. Es ging Rosenberg keineswegs darum, ungeliebte Tätigkeiten einfach umzudeuten. Nach dem Motto: „Wenn ich mir nur lange genug vorbete, dass ich mich zur Korrektur von Klassenarbeiten entscheide, dann werden sich Widerstand und Hass irgendwann auflösen.“ Er regte vielmehr an, das Bedürfnis zu ergründen, das der Entscheidung zugrunde liegt: „Ich korrigiere Klassenarbeiten, weil es zu meiner Funktion als Lehrerin gehört. Und ich arbeite als Lehrerin, weil ich es als meine Berufung empfinde, Jugendliche auf einem guten Start ins Leben zu begleiten.“

Marshall Rosenbergs These: Wenn ich das Bedürfnis hinter meiner Entscheidung ergründe, den Wert erkenne, aus dem sie sich speist, dann werde ich Dinge, die ich zuvor als Zwang empfunden habe, im Bewusstsein ihrer Bedeutung tun können und viel zufriedener damit sein. Selbst mit der Korrektur von Klassenarbeiten.

Aber wenn der Widerstand bleibt? Dann wahrscheinlich, weil benotete Klassenarbeiten mit anderen wichtigen Bedürfnissen und Werten kollidieren (zum Beispiel der Idee einer freien Entwicklung junger Menschen). Dann führt der Weg dieser Lehrerin vielleicht auf eine freie Schule, wo Jugendliche auf unterstützende Weise ins Leben begleitet werden.

Und wenn sie erkannt hat, dass sie mit ihren Werten dort viel besser aufgehoben ist: Muss sie dann nicht dorthin gehen? Nein, aber sie kann sich dazu entscheiden.

Foto: maselkoo99, Thinkstock

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